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Wallfahrten – ein Herzstück donauschwäbischer Glaubenstradition

  • 24. Juni
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 25. Juni

Glaube, Erinnerung, Heimat



Die Geschichte der Wallfahrten der Donauschwaben ist eng mit ihrem Glauben, ihrer jahrhundertelangen Siedlungsgeschichte an der Donau und ihrem schweren Schicksal nach dem Zweiten Weltkrieg verbunden. Die heutigen Gelöbniswallfahrten, insbesondere nach Altötting, sind nicht isoliert entstanden. Sie wurzeln vielmehr in einer langen Tradition der Marienverehrung in der alten Heimat und wurden nach Flucht, Vertreibung und Lagerhaft zu einem sichtbaren Zeichen der Dankbarkeit, des Gedenkens und der Bewahrung der eigenen Identität.

  

Die Wallfahrtstradition in der alten Heimat

Von Anfang an spielte der Glaube eine zentrale Rolle im Leben der donauschwäbischen Gemeinden. Das Kirchenjahr bestimmte den Rhythmus des Dorflebens, und zahlreiche religiöse Bräuche wurden von Generation zu Generation weitergegeben. Einen besonderen Stellenwert nahmen dabei Wallfahrten ein. Sie waren Ausdruck persönlicher Frömmigkeit, aber auch Gemeinschaftserlebnisse, die die Menschen miteinander verbanden.


Zu den bedeutendsten Wallfahrtsorten der Donauschwaben gehörte die Wallfahrtskirche Maria Schnee bei Peterwardein, dem heutigen Petrovaradin bei Novi Sad in Serbien. Jahr für Jahr pilgerten Tausende Gläubige aus den deutschen Dörfern der Batschka und aus den umliegenden Regionen zu diesem Marienheiligtum. Besonders rund um das Fest Maria Schnee am 5. August strömten die Pilger nach Peterwardein.


Für viele Gemeinden begann die Wallfahrt bereits in den frühen Morgenstunden oder sogar mehrere Tage zuvor. Nicht selten legten die Pilger den Weg zu Fuß zurück. Prozessionskreuze, Kirchenfahnen und Gesang begleiteten die Wallfahrer. Unterwegs wurden Rosenkränze gebetet und Marienlieder gesungen. Die Wallfahrt war nicht nur eine religiöse Pflicht, sondern ein Höhepunkt des Jahres, an dem ganze Familien teilnahmen.


Maria Schnee war für die Donauschwaben weit mehr als ein Wallfahrtsort. Die Gottesmutter galt als Schutzfrau der Heimat, der Familien und der Ernte. In einer Zeit, in der das Leben vieler Menschen noch stark von Landwirtschaft und Natur abhängig war, baten die Gläubigen um Schutz vor Krankheit, Unwettern und Not. Die Wallfahrten stärkten zugleich das Gemeinschaftsgefühl und das Bewusstsein, Teil einer größeren katholischen Glaubensgemeinschaft zu sein.



o. l.: Rückkehr von der Wallfahrt nach Maria Schnee der Marienkongregation mit Kaplan Quintus ca. 1937 (F2024-308), r. o.: Marienbund bei der Wallfahrt nach Maria Schnee am Prinz Eugen Kreuz 1940 (F2024-64), u.: Wallfahrt in Maria Schnee - Marienbund aus Futok mit Frl. Kafka Anna, Aufn. von 1940 (F2023-49)



Wallfahren nach der Vertreibung und das Gelöbnis von Pater Gruber


Mit der Vertreibung  1944 verloren die Donauschwaben nicht nur ihre Häuser und Dörfer, sondern auch ihre vertrauten religiösen Zentren. Die Wallfahrten nach Maria Schnee und zu anderen Heiligtümern der alten Heimat waren plötzlich nicht mehr möglich. Viele glaubten, ihre Welt sei für immer verloren.


In dieser Zeit trat eine Persönlichkeit hervor, die für die Geschichte der Donauschwaben von herausragender Bedeutung werden sollte: Pater Wendelin Gruber SJ.


Wendelin Gruber wurde 1914 in Filipowa in der Batschka geboren. Nach seinem Eintritt in den Jesuitenorden wurde er 1942 zum Priester geweiht. Als die Verfolgung der Donauschwaben begann, stellte er sich bewusst in den Dienst seiner leidenden Landsleute.


Während viele Menschen versuchten, den Lagern zu entkommen, ging Gruber freiwillig zu den Internierten, um ihnen als Seelsorger beizustehen. Er spendete die Sakramente, feierte heimlich Gottesdienste und stärkte die Menschen in ihrem Glauben. Sein Einsatz brachte ihn selbst mehrfach in Gefahr. Er wurde verhaftet und verbrachte Jahre in kommunistischen Gefängnissen.


Für die Lagerinsassen wurde Pater Gruber zu einem Symbol der Hoffnung. Gerade in einer Situation, in der Hunger, Krankheit und Tod allgegenwärtig waren, erinnerte er die Menschen daran, dass Gott sie nicht verlassen habe.


Am 24. März 1946, dem Vorabend des Festes Mariä Verkündigung, feierte Pater Gruber mit den Lagerinsassen von Gakowa einen Gottesdienst. Inmitten der Not entstand ein Gelöbnis, das die Geschichte der Donauschwaben bis heute prägt.


Die Teilnehmer versprachen, dass sie – falls sie die Lager überleben würden – jedes Jahr aus Dankbarkeit eine Wallfahrt unternehmen wollten. Es war ein Versprechen des Vertrauens auf Gottes Hilfe und zugleich ein Zeichen der Hoffnung auf eine Zukunft, die damals völlig ungewiss erschien.


Wenige Monate später erneuerte Pater Gruber dieses Gelöbnis bei einem geheimen Gottesdienst im Lager Rudolfsgnad. Damit wurde aus dem Versprechen einzelner Menschen eine gemeinsame Verpflichtung vieler Überlebender.


Das Gelöbnis knüpfte bewusst an die alte Wallfahrtstradition der Donauschwaben an. Die Menschen erinnerten sich an ihre Pilgerfahrten nach Maria Schnee und andere Heiligtümer ihrer Heimat. Nun sollte die Wallfahrt zu einem Zeichen des Dankes für das Überleben werden.

Mit dem Gelöbnis verband sich außerdem das Versprechen, der Gottesmutter eine Gedächtniskapelle zu errichten. Auch dieses Vorhaben wurde später verwirklicht.


Die Entstehung der Gelöbniswallfahrten


Nach seiner Freilassung und der Auswanderung vieler Donauschwaben nach Deutschland, Österreich und Übersee erinnerte Pater Gruber die Überlebenden immer wieder an ihr Versprechen.


So entstanden in den folgenden Jahrzehnten zahlreiche Gelöbniswallfahrten. Die bekannteste und bedeutendste entwickelte sich in Altötting, dem wichtigsten Marienwallfahrtsort Deutschlands. Seit 1959 treffen sich dort jährlich Donauschwaben aus vielen Ländern Europas und aus Übersee.


Altötting wurde gewissermaßen zum neuen geistlichen Zentrum der verstreuten Volksgruppe. Hier kamen Menschen zusammen, die einst in den gleichen Dörfern gelebt hatten, durch Krieg und Vertreibung getrennt worden waren und nun ihre gemeinsame Geschichte und ihren Glauben miteinander teilten.


Die Wallfahrten umfassen Gottesdienste, Beichtgelegenheiten, Gebetsstunden, Vorträge und Gedenkfeiern. Dabei wird sowohl der Opfer von Krieg, Lagerhaft und Vertreibung gedacht als auch für Frieden und Versöhnung gebetet.


Neben Altötting entstanden weitere Gelöbniswallfahrten, unter anderem nach Bad Niedernau, Ellwangen, Oggersheim, Spaichingen und in Entre Rios in Brasilien.


Die Bedeutung der Wallfahrten heute


Heute leben nur noch wenige Zeitzeugen jener Ereignisse. Dennoch haben die Wallfahrten nichts von ihrer Bedeutung verloren. Sie erinnern an die Geschichte der Donauschwaben und halten die Erinnerung an die Leiden der Nachkriegszeit wach.


Gleichzeitig stehen sie für Dankbarkeit und Hoffnung. Das Gelöbnis von Gakowa und Rudolfsgnad entstand in einer Zeit größter Verzweiflung. Dass es bis heute erfüllt wird, zeigt die tiefe religiöse Kraft dieser Tradition.


Für viele Teilnehmer sind die Wallfahrten auch eine Brücke zwischen den Generationen. Kinder und Enkel erfahren dort von der Geschichte ihrer Familien, von der alten Heimat und vom Glauben, der ihren Vorfahren in schwerster Zeit Halt gegeben hat.


So verbinden die Gelöbniswallfahrten Vergangenheit und Gegenwart. Sie bewahren die Erinnerung an die verlorene Heimat und führen zugleich eine Tradition fort, die weit älter ist als Flucht und Vertreibung. In den Wallfahrten nach Altötting und zu anderen Marienheiligtümern lebt der Geist jener Pilger weiter, die einst nach Maria Schnee bei Peterwardein zogen.

Die Wallfahrten der Donauschwaben sind weit mehr als religiöse Veranstaltungen. Sie sind Ausdruck von Glauben, Dankbarkeit, Erinnerung und Versöhnung. Sie erinnern an eine verlorene Heimat, an überstandenes Leid und an die Hoffnung, die Menschen selbst in dunkelsten Zeiten tragen kann.


Von Jürgen Harich

 

 

 
 
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