top of page

Die Sprache der Stoffe und Farben

  • 30. Juli
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 30. Juli

Warum die donauschwäbische Tracht weit mehr erzählt als schöne Kleidung



Sie hängt sorgfältig in Leinentücher eingeschlagen im Schrank oder wird im Museum unter besonderen Bedingungen aufbewahrt. Sie kommt nur zu besonderen Anlässen zum Vorschein: zur Kirchweih, zum Heimattreffen, bei Wallfahrten oder den Auftritten einer Tanzgruppe. Manche Trachten wurden über Generationen innerhalb einer Familie weitergegeben, andere mussten nach alten Fotografien oder erhaltenen Originalen neu angefertigt werden, weil die ursprünglichen Stücke auf der Flucht oder durch die Internierung verloren gingen.


Kaum ein anderes Kulturgut verbindet die Donauschwaben bis heute so unmittelbar mit ihrer Geschichte wie die Tracht. Sie erinnert an Dörfer und Landschaften entlang der Donau, an Feste und Feiertage, an Familiengeschichten und an eine Heimat, die für viele nur noch in den Erinnerungen der älteren Generation existiert. Und doch erzählt die Tracht diese Geschichte nicht von selbst. Erst die Menschen, die sie tragen, bewahren und weitergeben, verleihen ihr Bedeutung.


Für die Großmutter war die Tracht vielleicht selbstverständliche Sonntagskleidung. Für ihre Kinder wurde sie nach Flucht und Vertreibung zu einem Erinnerungsstück der verlorenen Heimat. Für viele Enkel und Urenkel ist sie heute Ausdruck ihrer Herkunft – bewusst getragen, obwohl ihr eigener Alltag längst ein anderer ist. Dieselbe Tracht, dieselben Stoffe und Stickereien. Und doch verändert sich ihre Bedeutung mit jeder Generation.


Die donauschwäbische Tracht in historischem und modernem Kontext: (l.) Firmung von Evi Steiner in Militisch (1942, © Kulturzentrum Haus der Donauschwaben); (r.) Maja und Philipp Kirschenheuter mit der Donauschwäbische Tanz- und Folkloregruppe Reutlingen
Die donauschwäbische Tracht in historischem und modernem Kontext: (l.) Firmung von Evi Steiner in Militisch (1942, © Kulturzentrum Haus der Donauschwaben); (r.) Maja und Philipp Kirschenheuter mit der Donauschwäbische Tanz- und Folkloregruppe Reutlingen


Ein Mosaik regionaler Vielfalt


Von der donauschwäbischen Tracht zu sprechen, greift eigentlich zu kurz. Die deutschen Siedler lebten über Jahrhunderte hinweg in unterschiedlichen Regionen des historischen Ungarns – im Banat, in der Batschka, in Syrmien oder Slawonien. Jede Landschaft entwickelte ihre eigenen Formen, Farben und Materialien. Unterschiede zeigten sich in den Stickereien, den Stoffen, den Schürzen, den Hauben oder der Zahl der Unterröcke. Mitunter unterschieden sich sogar benachbarte Dörfer in kleinen, aber charakteristischen Details. Gerade diese Vielfalt macht den besonderen Reichtum der donauschwäbischen Trachtenkultur aus.


Besonders eindrucksvoll war die Sonntagstracht. Der Kirchgang war weit mehr als ein religiöses Ereignis. Er gehörte zum gesellschaftlichen Mittelpunkt der Woche und bot Gelegenheit, die festliche Kleidung zu tragen. Sie wurde mit großer Sorgfalt gepflegt, oft über Jahrzehnte aufbewahrt und innerhalb der Familie weitergegeben.


Vor allem die Frauentracht war das Ergebnis aufwendiger Handarbeit. Mehrere Unterröcke verliehen den Röcken ihre charakteristische Weite und sorgten dafür, dass sie bei jeder Bewegung lebendig wirkten. Jede Lage musste sorgfältig genäht, gestärkt und in Form gebracht werden. Das Ankleiden selbst war beinahe ein Ritual. Erst das Zusammenspiel vieler einzelner Elemente machte aus Stoffen und Bändern eine festliche Tracht.


Auch die Schürze war weit mehr als ein praktisches Kleidungsstück. Im Alltag schützte sie die Kleidung, an Sonn- und Feiertagen wurde sie zum kunstvoll gestalteten Schmuckstück. Feine Stoffe, Stickereien und regionale Muster zeigten nicht nur handwerkliches Können, sondern auch die Wertschätzung gegenüber der eigenen Tradition. Die Männertracht wirkte schlichter, war aber nicht weniger aussagekräftig. Weiße Hemden, Westen, dunkle Hosen und Hüte standen ebenso für Würde und Ordnung wie für die Zugehörigkeit zur Dorfgemeinschaft.

Wer sich mit donauschwäbischen Trachten beschäftigt, entdeckt deshalb weit mehr als kunstvolles Handwerk. Kleidung erzählte früher von Alter, Familienstand, Wohlstand, Herkunft und Anlass. Sie machte Gemeinschaft sichtbar und verlieh ihr Gestalt.


Der zweite Blick


Gerade weil Trachten so eng mit Heimat und Identität verbunden sind, richtet die volkskundliche Forschung heute einen neuen Blick auf sie. Lange wurden Trachten vor allem als Ausdruck einer ursprünglichen und unveränderten Volkskultur verstanden. Heute fragen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zusätzlich danach, wie dieses Bild eigentlich entstanden ist.


Die Wanderausstellung „Einfach schön? Politisierung deutscher Volkskultur aus dem östlichen Europa“, die derzeit im Haus des Deutschen Ostens in München zu sehen ist und vom Institut für Kulturanalyse der Deutschen des östlichen Europa in Freiburg entwickelt wurde, lädt genau zu diesem Perspektivwechsel ein. Sie stellt nicht die Schönheit der Trachten infrage. Vielmehr fragt sie danach, warum wir sie als schön empfinden und welche Vorstellungen von Heimat, Tradition und Identität sich mit ihnen verbinden.


Die Ausstellung "Einfach schön? Politisierung 'deutscher Volkskultur' aus dem östlichen Europa"  – zu sehen bis zum 17. Oktober im Haus des Deutschen Ostens in München
Die Ausstellung "Einfach schön? Politisierung 'deutscher Volkskultur' aus dem östlichen Europa" – zu sehen bis zum 17. Oktober im Haus des Deutschen Ostens in München


Wie es im Ausstellungstext heißt, ist die Wahrnehmung von Volkskultur als etwas „einfach Schönem“ das Ergebnis „eines durch moderne Sehgewohnheiten und Ideologisierungen geprägten Blicks“. Dieser Satz wirkt zunächst überraschend. Denn die meisten Menschen verbinden Trachten mit Familiengeschichten, Heimatfesten oder den Erinnerungen an Eltern und Großeltern. Gerade deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen.



Bewahren heißt auch auswählen


Trachten entstanden nicht im Museum. Sie waren Alltags- und Festkleidung und unterlagen – wie jede Kleidung – dem Wandel der Zeit. Stoffe wurden ausgetauscht, Schnitte verändert, neue Materialien übernommen. Auch das, was wir heute als „traditionell“ empfinden, war einst modern.


Seit dem 19. Jahrhundert begannen Volkskundler, Fotografen und Sammler, Trachten systematisch zu dokumentieren. Sie wollten bewahren, was durch Industrialisierung und gesellschaftlichen Wandel verloren zu gehen drohte. Ihrer Arbeit verdanken wir heute einen unschätzbaren Reichtum an Fotografien, Zeichnungen und Originalstücken.

Gleichzeitig macht die heutige Forschung deutlich, dass Sammeln niemals völlig neutral ist. Wer dokumentiert, trifft Entscheidungen. Welche Tracht gilt als typisch? Welche Bräuche erscheinen bewahrenswert? Welche Bilder werden veröffentlicht und welche verschwinden aus dem Blick? Auch Museen und wissenschaftliche Sammlungen erzählen deshalb immer etwas über die Zeit, in der sie entstanden sind.


Im 20. Jahrhundert wurden Vorstellungen von Volkskultur und Trachten immer wieder politisch instrumentalisiert. Bilder einer vermeintlich ursprünglichen „Volksgemeinschaft“ dienten dazu, nationale und ideologische Vorstellungen sichtbar zu machen. Die heutige Volkskunde setzt sich kritisch mit dieser Vergangenheit auseinander – nicht um Traditionen abzuwerten, sondern um ihre Geschichte besser zu verstehen.


Gerade hierin liegt eine der wichtigsten Erkenntnisse der aktuellen Forschung: Sie nimmt den Trachten nichts von ihrer Schönheit. Im Gegenteil. Sie macht sichtbar, wie vielschichtig dieses kulturelle Erbe ist. Trachten sind nicht nur kunstvolle Kleidungsstücke, sondern zugleich historische Quellen. Sie erzählen von den Menschen, die sie schufen und trugen, ebenso wie von denjenigen, die sie sammelten, erforschten und bewahrten. Erst dieser zweite Blick macht ihren kulturellen Wert in seiner ganzen Tiefe sichtbar.


Erinnerung bleibt lebendig


Für die Donauschwaben erhielt die Tracht nach dem Zweiten Weltkrieg eine neue Bedeutung. Was zuvor selbstverständlich zum dörflichen Leben gehört hatte, wurde nach Flucht und Vertreibung zum Symbol der verlorenen Heimat. Aus Alltagskleidung wurden Erinnerungsstücke. Sie erzählten nun von Orten, die viele nie wiedersehen sollten, und von einem Leben, das unwiederbringlich vergangen war.


Gerade deshalb kommt den Trachten bis heute eine besondere Rolle zu. Sie verbinden Generationen, bewahren Familiengeschichten und machen Geschichte sichtbar. Wer heute bei einer Kirchweih oder einem Heimattreffen eine donauschwäbische Tracht trägt, führt keine historische Szene auf. Er oder sie knüpft an eine kulturelle Tradition an, die sich über Jahrhunderte entwickelt hat und bis heute weiterlebt.


Tradition bedeutet dabei nicht, Vergangenes unverändert zu bewahren. Sie lebt davon, dass jede Generation neu entscheidet, was ihr wichtig ist und wie sie dieses Erbe weiterträgt. Auch die donauschwäbische Tracht hat sich im Laufe ihrer Geschichte verändert – in Materialien, Schnitten, Funktionen und Bedeutungen. Gerade diese Wandlungsfähigkeit erklärt, warum sie bis heute Teil einer lebendigen Erinnerungskultur geblieben ist.


Die aktuelle Forschung verändert den Blick auf dieses Kulturerbe. Sie ergänzt die Geschichte der Trachten um Fragen nach ihrer Entstehung, ihrer Deutung und ihrer politischen Instrumentalisierung. Das schmälert ihren Wert nicht – im Gegenteil. Wer die historischen Zusammenhänge kennt, versteht besser, warum Trachten bis heute Identität stiften und weshalb sie weit mehr sind als kunstvoll gefertigte Kleidungsstücke. Sie sind historische Quellen, kulturelles Gedächtnis und Ausdruck einer Tradition, die sich immer wieder neu behaupten musste.


Von Maja Kirschenheuter und Gabriele Schilcher


Ausstellungstipp: Einfach schön? Politisierung "Deutscher Volkskultur" aus dem östlichen Europa, Haus des Deutschen Ostens, Am Lilienberg 5, Montag-Freitag 10.00 bis 20.00 Uhr, im August bis 18.00 Uhr, bis 17. Oktober


Donauschwäbisches Zentralmuseum (Hrsg.): Schwerer Stoff. Frauen – Trachten – Lebensgeschichten. Begleitband zur Ausstellung.Texte von Henrike Hampe unter Mitarbeit von Jeannine Engelhardt, Heunke Kalinke und Leni Perenčević. Ulm, 2024. ISBN 978-3-00-079622-7.

 
 
bottom of page