Schwäbisch und Donauschwäbisch
Aktualisiert: vor 3 Tagen
Wenn Dialekt Geschichte lebendig hält
Wie viel Geschichte steckt in unserer Sprache? Und was können Dialekte über Heimat, Herkunft und persönliche Erinnerungen erzählen? Diesen Fragen widmete sich am Mittwoch, 21. Oktober 2026, die Veranstaltung „Schwäbisch und Donauschwäbisch. Was Dialekt erzählt“ in der Alten Aula der Universität Tübingen. Das Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde (IdGL) brachte dabei historische Tonbandaufnahmen, persönliche Erinnerungen und aktuelle Forschungsprojekte zur Dialektvermittlung zusammen.
Nach der Begrüßung durch Prof. Dr. Thomas Thiemeyer und Prof. Dr. Reinhard Johler stand die Buchvorstellung und Podiumsdiskussion mit Dr. Margret Findeisen im Mittelpunkt. Ihre Forschungsarbeit beschäftigte sich mit der Frage, wie historische Tonbandaufnahmen von Heimatvertriebenen in der nachfolgenden Generation wahrgenommen werden. Ausgewählte Aufnahmen aus den Archiven des Ludwig-Uhland-Instituts für Empirische Kulturwissenschaft und des IdGL eröffneten einen unmittelbaren Zugang zu den Erfahrungen und Erzählungen der Menschen, die Flucht und Vertreibung selbst erlebt hatten.
Besonders eindrücklich war die Verbindung zwischen den Stimmen aus der Vergangenheit und den Erinnerungen der Gegenwart. Gemeinsam mit Interviewpartnerinnen und Interviewpartnern aus Findeisens Studie wurden die Aufnahmen angehört und eingeordnet. Dabei ging es auch in der Podiumsdiskussion auch darum, wie die Erfahrungen der Elterngeneration in den Familien weitergegeben wurden und welche Bedeutung sie für das Erinnern an Flucht und Vertreibung bis heute haben. Sehr erfreulich war, dass mit Hedwig Moll eine Zeitzeugin aus Neu-Schowe auf der Bühne saß, die sich noch gut an das mit ihr in Biberach im Jahr 1955 aufgenommene Interview erinnerte.
Dialekt als kulturelles Erbe
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Frage, wie Dialekte bewahrt, erforscht und an jüngere Generationen vermittelt werden können. Dr. Julia Braun stellte das Projekt „Dialekt und Du“ vor, das sprachliche Vielfalt mit Materialien und Impulsen für den Schulunterricht erfahrbar macht. Kinder und Jugendliche sollen dadurch für regionale Sprachformen sensibilisiert werden und Dialekt als lebendigen Bestandteil ihrer sprachlichen und kulturellen Umwelt kennenlernen.
Dr. Valeska Flor, PhD, gab Einblicke in das Forschungsprojekt „Automatic Swabian Recognition“. Dabei wird untersucht, wie historische Dialektaufnahmen mithilfe computergestützter Verfahren erschlossen werden können. Die technische Auswertung eröffnet neue Möglichkeiten, umfangreiche Spracharchive zugänglich zu machen und die darin enthaltenen Erzählungen, Erfahrungen und kulturellen Zeugnisse langfristig zu sichern.
Gerade für die Donauschwaben besitzt dieses Thema eine besondere Bedeutung. Ihre Mundarten bewahren Spuren der Herkunftsregionen ihrer Vorfahren, ihrer jahrhundertelangen Geschichte im Donauraum und des Zusammenlebens verschiedener Sprach- und Kulturgruppen. Auch Migration, Flucht und Vertreibung haben die Weitergabe und Entwicklung dieser Sprachformen geprägt. Dialekt ist damit weit mehr als eine regionale Sprechweise: Er kann Erinnerungen wachrufen, Zugehörigkeit vermitteln und ein Stück Familiengeschichte bewahren.
Die Veranstaltung in der Alten Aula machte deutlich, wie eng Sprache, Erinnerung und Identität miteinander verbunden sind. Sie zeigte zugleich, dass die Erforschung historischer Aufnahmen und die Vermittlung von Dialekten wichtige Beiträge dazu leisten können, kulturelles Erbe für kommende Generationen zugänglich zu halten. Im Anschluss bot ein Empfang Gelegenheit zum persönlichen Austausch.
Von Jürgen Harich


