Die Zukunft von Gestern
Aktualisiert: vor 5 Tagen
25 Jahre IKGS: Ein Gespräch mit Dr. Florian Kührer-Wielach darüber, was Wissenschaft mit Erinnerung macht – und Erinnerung mit Wissenschaft
© Markus Hirner
Das Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der LMU München (IKGS) feiert sein 25-jähriges Bestehen. Gefeiert wurde mit einem Festakt und einer wissenschaftlichen Tagung unter dem Titel „Die Zukunft von Gestern“, die historische Zukunftsvorstellungen deutschsprachiger Gemeinschaften im östlichen Europa in den Blick nahm.
Für den Radasch ist das Jubiläum Anlass, über die 25 Jahre Institutsarbeit hinauszublicken. Denn mit dem Ende der Zeitzeugengeneration stellt sich auch für die Donauschwaben zunehmend die Frage, wer ihre Geschichte künftig erzählt – und wie. Welche Rolle spielt dabei die Wissenschaft? Was unterscheidet Forschung von Erinnerung? Und was geschieht, wenn liebgewonnene Erzählungen einer kritischen Überprüfung nicht standhalten?
Darüber sprach der Radasch mit Dr. Florian Kührer-Wielach, Direktor des IKGS.
Herr Kührer-Wielach, beim Festakt haben Sie von der „zärtlichen Poesie“ des Begriffs „Zuwendungsgeber“ gesprochen. Bleiben wir doch gleich dabei: Was bekommt ein Zuwendungsgeber eigentlich zurück, wenn er ein Institut wie das IKGS finanziert?
Die Politik ist ein wesentlicher Faktor, um Möglichkeiten zu schaffen. Verwaltungen haben die Aufgabe, Ressourcen möglichst unkompliziert bereitzustellen und gleichzeitig zu überwachen, dass die Fördergelder zweckmäßig, effizient und effektiv eingesetzt werden. Die eigentlichen Zuwendungsgeber aber sind die Steuerzahler, das darf man nicht vergessen. Und die dürfen von uns erwarten, dass wir unsere Kraft und unsere Mittel zu 100 Prozent in unseren Auftrag stecken: Die Sicherung, Erforschung und Vermittlung von deutscher Kultur und Geschichte des Donau-Karpaten-Raums, und das auf fachlich und sachlich korrekte wie zeitgemäße Art. Dies muss aber, so glaube ich, eben auch auf „zugewandte“ Weise erfolgen. Das heißt nicht, dass unsere Forschungsergebnisse von Sympathie beeinflusst werden. Aber ihre Vermittlung muss mit Empathie und einem Gespür für das jeweilige Gegenüber erfolgen. Das wäre dann unsere Form Zuwendung zurückzugeben.
25 Jahre IKGS – und Ihre Jubiläumstagung trägt ausgerechnet den Titel „Die Zukunft von Gestern“. Ist das eine typisch historische Form der Zukunftsorientierung: erst einmal zurückzuschauen, um nach vorne zu kommen? Und was lässt sich aus vergangenen Zukunftsvorstellungen lernen – gerade aus jenen, die sich nicht erfüllt haben?
Ich würde sagen, das ist eine gängige Art der Zukunftsbewältigung, die nicht nur Historiker praktizieren. (Die sind nur manchmal das Instrument – aber um die Vergangenheit zurechtzubiegen braucht man eigentlich keine Wissenschaftler). Schauen wir uns um, wie sehr wir unseren Lieblingsvergangenheiten nachhängen und unsere Gegenwart mit ihnen vergleichen. Gerne gebrauchen wir (ab einem gewissen Alter) die Phrase „zu meiner Zeit“. Welche war denn meine Zeit? Ist die nicht jetzt, in diesem Augenblick?
Freilich ist der Blick nach vorne via Rückspiegel nicht die einzige Möglichkeit: Es gibt auch Ideologien und individuelle Einstellungen, die sich radikal der Zukunft zuwenden und die Möglichkeit der Erneuerung nur über eine Revolution sehen. Erinnert sei hier an den Kommunismus, aber auch an die „konservative Revolution“. Aber: „revolvere“ kann auch zurückkehren bedeuten. Und wer denkt nicht auch zwangsläufig an einen Revolver?
Sich krampfhaft an ein „Best of“ der Vergangenheit zu klammern macht also genauso wenig Sinn wie jegliche Überlieferung auszublenden. Unsere Tagung hat sich verschiedenen Zukunftsprojektionen in der Vergangenheit gewidmet, um zu zeigen, dass das Kommende stets ein offenes Feld ist – zumindest in der Vorstellung der handelnden Menschen. Letztlich muss nichts, was passiert, zwangsläufig passieren – es liegt daran, wie wir handeln. Um vernünftige Entscheidungen zu treffen, müssen wir aber uns selbst verstehen und Handlungsszenarien auf Basis von Erfahrungswerten skizzieren. Das scheint mir eine sinnvolle Aufgabe für die Geschichtswissenschaften zu sein. Andererseits müssen wir auch in der Lage sein, bewusstes Vergessen zuzulassen, also die Vergangenheit von den Zukunftsfragen möglichst unabhängig machen – es scheint mir, dass sonst gerade in sehr schwerwiegenden Fällen von Gewalt Versöhnung kaum gelingen kann.
Ihr Institut beschäftigt sich mit deutscher Kultur und Geschichte Südosteuropas. Das klingt zunächst nach einem ziemlich klar umrissenen Forschungsfeld. Wer sich näher damit beschäftigt, landet aber sehr schnell bei Rumänen, Ungarn, Serben, Kroaten, Juden, Donauschwaben und vielen anderen, bei Mehrsprachigkeit, Migration, wechselnden Grenzen und politischen Systemen. Wo hört in einem solchen Raum eigentlich die Geschichte der einen Gemeinschaft auf – und wo beginnt die der anderen? Oder ist genau diese Trennung schon die falsche Frage?
Die Frage ist, was denn „das Eigene“ wäre: Familie, Dorf, Region, Vaterstaat, Mutterland, Nation, Konfession, Klasse, Kultur oder Sprache? Oder gleich Europa? Und wo würden sich da die Donauschwaben einordnen, die bekanntermaßen die längste Zeit nicht einmal so bezeichnet wurden,… Zugehörigkeiten, Zusammengehörigkeiten und Verbundenheiten zu analysieren, gehört zu unseren Aufgaben. Dabei ist klar: Eindeutigkeit ist nicht immer möglich und aus der Alltagssituation der Menschen oft auch gar nicht sinnvoll. Bestimmte Entscheidungen, sich einer Gruppe zuzurechnen, werden erst getroffen, wenn es „von oben“ verlangt wird. Eindeutigkeit hat also oft mit Herrschaft und Macht zu tun. Zuweilen aber auch mit Selbstschutz und dem Versuch, sich gegen unerwünschte Veränderung zu stellen.
Außerdem kommt es sehr stark auf die Epoche an, welche Art der Identifikation in den Vordergrund rückt. Außerdem hängt sie von der Situation ab, in der man sich gerade befindet: im Dorf bist du der Bauer, in der Kirche der Katholik, im Parlament der Deutsche, im Nationalstaat die Minderheit, im Dritten Reich der Herr, als Vertriebener ein Europäer. Aber dies ändert nichts daran, dass es für die Forschung nützlich ist, von Gruppenkategorien wie Donauschwabe, Südostdeutscher oder Vertriebener auszugehen und sich darauf aufbauend mit den verschiedenen Dimensionen von Identität zu beschäftigen. Denn Vielfalt bedeutet gerade für die Donaumonarchie und ihr Erbe eben nicht, alles in einen großen „Melting pot“ zu werfen. Vielmehr geht es um dynamische Wechselwirkungen zwischen Epochen, Individuen und Gruppen.
Auf der Jubiläumstagung hat Dr. Ivica Leovac am Beispiel donauschwäbischer Literatur gezeigt, wie stark historische Selbstbilder über Generationen weitergegeben werden können. Johannes Weidenheim, der die eigene Gemeinschaft schon früh kritisch betrachtete, galt zeitweise sogar als „Nestbeschmutzer“. Muss Wissenschaft einer Gemeinschaft manchmal auch die Geschichte erzählen, die sie nicht so gerne hört – und gehört diese gelegentliche Zumutung zu einer guten Erinnerungskultur dazu?
Die Frage ist gar nicht, ob Zumutungen nötig sind. Sie passieren zwangsläufig, wenn man handwerklich saubere und redliche Geschichtswissenschaft betreibt. Wir Historiker sollten wie Chirurgen arbeiten: Was auf den OP-Tisch kommt, wird operiert. Aber gleichzeitig sei noch einmal auf das Thema Empathie für das Gegenüber verwiesen: Der Ton macht die Musik. Nehmen wir das Beispiel Adam Müller-Guttenbrunns, um gleich einmal ins Herz der aktuellen donauschwäbischen Identität zu zielen. War er nun ein verdienstvoller Autor oder ein radikaler Antisemit? Die Antwort des Historikers darauf ist: beides. Das müssen wir aushalten. Aber was nützt es beispielsweise, diese Fakten einem betagten Bewohner des schönen AMG-Heimes in Temeswar vor die Nase zu knallen? Andererseits höre ich immer wieder: Ich wusste nichts über AMGs Aktivitäten über seine donauschwäbische Literatur hinaus. Es ist also grundsätzlich gut, wenn wir biografische Vollständigkeit anstreben. Sich ein Urteil zu bilden, bleibt dann jedem selbst überlassen. Überhaupt scheint mir ein Grundproblem unserer gesellschaftlichen Diskussionen, dass es enorm viel Meinung und enorm wenig Wissen gibt.
Anders aber ist die Aufgabe von Literatur, wie die von Weidenheim: Zumindest in der freien Welt soll sie (fast) nichts müssen und (fast) alles dürfen, keinen Wahrheitsgeboten unterliegen. Was ich mir aber von ihr wünsche: Wahrhaftigkeit.
Mit der Erlebnisgeneration verschwinden zunehmend jene Menschen, die noch aus eigener Erfahrung berichten können. Orte wie unser Haus der Donauschwaben in Haar wurden lange ganz wesentlich von diesen Menschen und ihren Erinnerungen geprägt; heute geht es zunehmend darum, dieses Wissen zu sichern, wissenschaftlich einzuordnen und für neue Generationen zu vermitteln. Welche Rolle können solche Erinnerungsorte, Museen, Vereine und Heimatortsgemeinschaften künftig spielen – und wie produktiv kann es werden, wenn ihre überlieferten Geschichten und der kritische Blick der Wissenschaft aufeinandertreffen?
Biografische Erzählungen zu sichern, ist momentan wohl das Wichtigste. Historiker haben aber auch die Aufgabe, dieser subjektiven Perspektive ein größeres Bild beizustellen. Manchmal muss man einfach sagen, wie es war: Die Donauschwaben wurden in völlig entvölkerten Regionen angesiedelt? Nope, da waren schon auch andere… Die Donauschwaben waren alle Opfer des Zweiten Weltkriegs? Nein, da gab es auch genug Nazis… Also waren sie alle Täter? Nein, es gab auch sehr viele Unschuldige und alle möglichen Facetten dazwischen … Das kann schon eine Herausforderung sein. Aber auch hier gilt wieder: Fakten bleiben Fakten, in welcher Form jedoch diese vermittelt werden, muss gut überlegt sein.
Ich nehme gleichzeitig ein zunehmendes Interesse jüngerer Generationen wahr. Aber die Enkelgeneration hat oft andere Fragen als ihre Eltern. In der Regel hat die Erlebnisgeneration das „Familiennarrativ“ stark geprägt. Einerseits gilt es, den Jüngeren den Wert dieser Erzählungen zu vermitteln und das Ausmaß an Traumatisierung, das sich hinter der einen oder anderen seltsamen oder zumindest schwer zu deutenden Verhaltensweise von Opa oder Oma verbirgt. Andererseits müssen wir auch über die Auslassungen in den familiären Überlieferungen reden. Am besten geht das alles gemeinsam: Verbände, Vereine, Vermittlungseinrichtungen im Dialog mit der Wissenschaft. Eine zentrale Frage dabei lautet: Wie erreichen wir auch jene, die nicht landsmannschaftlich organisiert sind?
Wer sich mit Südosteuropa beschäftigt, begegnet immer wieder Themen wie Nationalismus, Minderheiten, Migration, Zugehörigkeit und konkurrierenden Geschichtsbildern. Vieles davon wirkt angesichts der Gegenwart plötzlich weniger historisch, als uns lieb sein kann. Ist die Geschichte, mit der Sie am IKGS arbeiten, in den vergangenen Jahren wieder aktueller geworden?
Die optimistische Grundtendenz, die seit den 1990er-Jahren geherrscht hat (der ex-jugoslawische Raum ausgenommen), scheint ein Ende gefunden zu haben. Pandemie, russische Aggression und Klimawandel vernebeln die guten Aussichten. Es zeigt sich: Probleme, die nicht rechtzeitig adressiert werden, und Konflikte, die nicht ausgetragen und ausdiskutiert, sondern verdrängt werden, brechen irgendwann wieder auf. So war es mit der Friedensordnung nach dem Ersten Weltkrieg, mit der zukünftige Auseinandersetzungen sehr wahrscheinlich wurden. Ähnliches sehen wir mit dem Hass weiter Teile eines „globalen Südens“ und eines „regionalen Ostens“ gegen alles „Westliche“. Oder nehmen wir die Kohäsionsprobleme der Europäischen Union: Viel zu lange hat man geglaubt, der „Osten“ würde sich einfach in den „Westen“ integrieren. Dabei ist vieles, was wir heute sehen, die Angst vor Identitätsverlust, vor dem Aufgehen des „Eigenen“ in einer diffusen Kollektividentität. Kommt uns manches davon nicht bekannt vor, wenn auch in anderem Gewand? Unser Beitrag wäre wohl, dazu beizutragen, dass das Europa der Vielfalt nicht im Status der Behauptung steckenbleibt. Ein erster Schritt wäre vielleicht, das Zentrum der Europäischen Union ihren geografisch-gesellschaftlichen Realitäten anzupassen: Brüssel-Bruxelles muss in die Mitte rücken, nach Pressburg-Bratislava oder Breslau-Wrocław wandern!
Zum Geburtstag darf man sich bekanntlich etwas wünschen: Was wünschen Sie dem IKGS für die kommenden Jahre – neben spannenden Forschungsfragen und verlässlichen Zuwendungsgebern, an die wir seit dem Festakt wohl alle mit etwas mehr poetischer Zärtlichkeit denken?
Ich wünsche mir, dass ich weiterhin mit einem so großartigen Team und so starken Partnern arbeiten darf. Ein Institut ist nur so gut wie die Summe seiner Mitarbeiter und die Tragfähigkeit seines Netzwerks.
Interview von Gabriele Schilcher
© Tobias Weger (IKGS)


