Heimat 2.0
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Aktualisiert: vor 21 Stunden
Fokusthema Donau auf der Leipziger Buchmesse – Protokoll einer SpurensucheÂ

Was ist eigentlich Heimat? Ist es Steyrdorf-Anina, wo mein Stiefvater herkam? Ist es das Dorf im Osten Ungarns, wo mein Vater geboren wurde? Ist es der Kurort am Rhein, wo ich aufgewachsen bin? Oder ist es gar eine Sprache? Ist es das Ungarische, in dem ich als Kind geträumt habe, wenn ich die Sommer bei meinen Großeltern verbracht habe? Oder das Spanische, das ich mir selbst gewählt habe? In dem ich geschwommen bin, wie in einem Gewässer? Mit dem ich mich mit den alten Juden in Sarajevo verständigt habe – Nachfahren der Sepharden, die 1492 von den Katholischen Königen von der Iberischen Halbinsel vertrieben wurden? Ist es der Klang von „Karfiol“, „Paradeiser“ oder dem kehligen „Milch“ meiner rumänien-deutschen Tante Ilona, die mir als Kind die Märchen erzählte? Der Geschmack von Lángos und Krautwickeln, von Hammelgulasch und ofenwarmem Brot? Oder sind es Geschichten aus einer Welt, die es so nicht mehr gibt?
Die Frage nach der Heimat stellt immer auch die Frage nach der Identität. Wer bin ich? Die Frage führt automatisch zu den nächsten Fragen – wie bei einer Matrjoschka, in der immer neue kleine Matrjoschkas stecken, es hört nie auf: Wer sind wir? Wie passe ich zu dem Wir? Wo gehöre ich hin? Zu welcher Gemeinschaft gehöre ich dazu? Gehöre ich überhaupt dazu? Diese Fragen können wahnsinnig machen. Aber nur dann, wenn man glaubt, sich entscheiden zu müssen. Entweder – oder. Aber so ist die Welt nicht. So ist das Leben nicht. So sind wir nicht. Wir sind Sowohl als Auch, wir sind UND….
Nadine Schneider („Das beste Leben“, S.Fischer), Betty Boras („Das schönste aller Leben“, Hanserblau), Katharina Sigrid Eismann („Mein innerer Schwarzwald“, danube books) oder auch Katherina Braschel („Heim holen“, Residenz) beschreiben auf je eigene Art in ihren Romanen das Fremdeln, das Zwischen-den-Stühlen-Sitzen, das Nicht-Mehr, oder Nicht-Dazugehören. Sie erzählen von Zwischenwelten oder von vergangenen Welten: dem Sprachengemisch, der Einsamkeit der in Rumänien Zurückgebliebenen, den entvölkerten Dörfern und Siedlungen (Franztal im heutigen Serbien etwa).Â
Wenn es die alte Welt, die alte Heimat nicht mehr gibt, welche ist dann die neue, die Heimat 2.0? In den Romanen von Nadine Schneider und Betty Boras wird das Dazugehören zum Leistungsadel. Wirklich deutsch ist nur, wer nicht von „Rumänerin“ spricht, sondern von „Rumänin“. Wirklich deutsch ist nur, wer hart arbeitet, die sogenannten deutschen Tugenden pflegt, mit Kehrwoche, Mülltrennung, Ritualen, Anpassung – nicht auffallen, nicht anecken. Wir können das auf jede Gemeinschaft übertragen: Die Gesellschaft, die neue Mitglieder aufnimmt, will Anpassung. Es ist wie die Mitgliedschaft in einem Verein, mit Vereinsregeln und Kassenwart. Aber gehören die Fremden dann wirklich dazu? Schon wieder so eine Frage.
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Katherina Braschel hat wie ihre Protagonistin Lina selbst die zwölflagigen Trachtenröcke getragen, und das gern. Doch dann lässt sie ihre Protagonistin eine Frage stellen: „Was hat Opa eigentlich im Krieg gemacht?“ Protagonistin Lina knackt die Mauer der Einsilbigkeit, riskiert die Einsamkeit, die entsteht, wenn die Gemeinschaft die Palisadenmauer gegenüber der Nestbeschmutzerin schließt. Katherina Braschels Roman „Heim holen“ erzählt vom Blick in den Abgrund (Opa war SS-Mann), von der Irritation (der geliebte Opa) aber auch von der Versöhnung mit der donauschwäbischen Familie. Es ist das Protokoll einer Spurensuche.
Katharina Sigrid Eismann ist Nachfahrin der Salpeterer aus dem Hotzenwald. Sie kämpften für ihre Rechte, gegen Kirche und Krone. Eine Minderheit in der Minderheit. Sie entdeckt den „theresianischen Geist“ bis heute in der donauschwäbischen Gemeinschaft – eine Geisteshaltung, die Widerspruch nicht duldete und dafür sorgte, dass ihre Vorfahren aus dem Hotzenwald aussortiert und im 18. Jahrhundert ins Banat deportiert wurden. Wo ist für sie die Heimat? Ist es der „innere Schwarzwald“, wie ihr Roman heisst? Das Widerständige als roter Faden? Sie merken schon: Immer, wenn Menschen mit sich ringen, sich Fragen stellen, entsteht eine neue Heimat: Literatur. Und das ist gut so. Denn es sind die Geschichten, die uns verbinden.Â
Von Stephan Ozsváth

Gastautor Stephan Ozsváth, Kurator des Fokusthemas der Leipziger Buchmesse 2026: Donau – unter Strom und zwischen Welten; Jahrgang 1965, geboren in Andernach, Vater Ungar, Mutter Rheinländerin, Stiefvater Rumäniendeutscher aus Steyrdorf-Anina. Studium in Berlin, Granada, Debrecen. (Publizistik, Spanisch, Lateinamerikanistik, Ungarisch)
Seit 1992 „on air“.
ARD-Hörfunkkorrespondent Südosteuropa (2012-2017).
Host Literaturpodcast „Orte & Worte“ (RBB)
Autor (Puszta-Populismus, Tschuschenaquarium), beide danube books.
Lebt und arbeitet bei Wien und in Berlin.