Was bleibt von der Erinnerung?
- 29. Apr.
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 30. Apr.
Interview mit der Künstlerin Lea Wagner
Ausstellung über Erinnerungsfragmente und neue Erzählperspektiven in Haar

Das Kulturzentrum Haus der Donauschwaben in Haar eröffnet am 20. Mai 2026 die Ausstellung „fleeting trace of memory“ der Künstlerin Lea Wagner (geb. 2001 in Lenggries). Für die Ausstellungsräume des Hauses, den verschiedenen Heimatstuben, hat Lea Wagner künstlerische Interventionen entwickelt, die einen Dialog mit den bestehenden Objekten der historischen Sammlung eingehen werden.
Die Ausstellung widmet sich zentralen Fragen unserer Erinnerungskultur: Was bleibt von Erinnerung, wenn sie nur in Fragmenten weitergetragen wird? Welche Spuren hinterlassen Familiengeschichten in der Gegenwart – und welche Perspektiven fehlen, wenn Geschichte erzählt wird?
Wir haben die Künstlerin, die in Regensburg Bildende Kunst und ästhetische Erziehung, Kunstgeschichte und Vergleichende Kulturwissenschaften studiert hat, zu ihrer bevorstehenden Ausstellung, ihrem persönlichen Hintergrund und nach möglichen Irritationen einer neuen, ungewohnten Perspektive befragt.
Vorab-Einblick in die Ausstellung "fleeting trace of memory": Künstlerische Elemente der Kunstinstallation. (c) Lea Wagner 2026
Kulturzentrum Haus der Donauschwaben: Lea, zunächst möchten wir sehr gerne wissen, wie Du auf die Donauschwaben gestoßen bist. Woher kommt Dein Interesse für die Geschichte der Donauschwaben? Welche Rolle spielt dabei vielleicht Deine eigene Familiengeschichte?
Lea Wagner: Meine Oma ist als Kleinkind aus dem heutigen Serbien nach Deutschland gekommen. Sie war mit meiner Urgroßmutter in einem Arbeitslager inhaftiert, aus dem sie fliehen konnten. Als Donauschwäbin hat sie sich selbst nie bezeichnet und ich hatte als Kind – außer einzelnen Erzählschnipseln – wenig Kontext zu den historischen Hintergründen der Donauschwaben.
Ich habe daraufhin angefangen, mich mit den Erzählfragmenten in meiner Familie und meiner eigenen Erinnerung auseinanderzusetzen. Bereits in meiner Bachelorarbeit habe ich das Thema Erinnerungen in den Fokus gesetzt und mich neben meinen eigenen Ansätzen mit den künstlerischen Übersetzungsweisen des Künstlers Robert Hammerstiel beschäftigt. Dieser floh aus dem Banat. Das komplexe und vielseitige Thema des Erinnerns lässt mich seitdem nicht los. Im Laufe meiner Recherchen bin ich dann auch auf das Kulturzentrum Haus der Donauschwaben gestoßen.
Die Sammlung unseres Hauses in Haar wurde von vielen Donauschwaben der ersten und zweiten Generation in ehrenamtlicher Arbeit zusammengetragen. Die Heimatstuben möchten an die donauschwäbische Kultur erinnern, diese bewahren und vermitteln. Du setzt Dich in Deinen Arbeiten ebenfalls mit dem Erinnern auseinander. Was hast Du in den Räumen bei uns vorgefunden – und was hat Dir vielleicht gefehlt?
Ich hatte zuvor von familiärer Seite noch keine Kontaktpunkte zu Objekten in Eurem Haus. Sie waren für mich fremd und erinnerten mich eher an meinen oberbayerischen Hintergrund. Anders erging es meiner Oma und teilweise auch meiner Mama: Einzelne Stoffe, Muster, Schuhe oder die Art und Weise des Kopftuchbindens riefen Erinnerungen bei ihnen hervor. Diese Verbindung blieb für mich aus und ich blickte eher von einer Außenperspektive auf die Sammlung.
Ich finde die Entstehung Eures Hauses spannend und in Gesprächen wurde schnell klar, welches Gewicht einzelne Objekte aus der Sammlung tragen. Mit den Ausstellungsobjekten als Ausgangspunkt entstanden immer wieder interessante Gespräche über verschiedene Aspekte donauschwäbischer Gemeinschaften. Durch das Narrativ des Kulturzentrums lernte ich indirekt aber vor allem die Generation kennen, welche das Haus der Donauschwaben nach dem 2. Weltkrieg gründete und die Sammlung zusammentrug. In dieser Zeit wurde entschieden, welche Erinnerungen Raum finden und welche Objekte wichtig für die Erzählung sind. Und welche Aspekte festgehalten werden sollten, um eine „donauschwäbische Identität“ auch in Deutschland aufrecht zu erhalten. Es wird dabei deutlich, welche Rolle ein solcher Erinnerungsraum für eine Gemeinschaft spielen kann, die viele Traumata der Flucht mit sich trug und in Deutschland zunächst Ausgrenzung erfahren hat.
Du fragst, was mir vielleicht fehlt: Ich fände interessant, nicht nur indirekt über diese ersten Jahrzehnte in Deutschland zu erfahren, sondern diese Erfahrungen festen Teil des Narrativs des Kulturzentrums werden zu lassen. Eine Aufarbeitung der sogenannten „Opferkonkurrenz“ nach dem zweiten Weltkrieg könnte auch für heutige Diskurse von Bedeutung sein. Für eine vielseitigere Auseinandersetzung war für mich u. a. die Publikation von Helena Rill und Marijana Stojčić „Auf den Spuren der Deutschen in der Vojvodina“ (2017) von Bedeutung.* Das Projekt legt den Fokus auf die Nachbarn, welche die Vertreibung der Donauschwaben miterlebt haben sowie auf die Erinnerung derer Nachfahren.
Ein dritter Erzählstrang, der meines Erachtens bisher ebenso keinen Raum findet, ist der der Generationen, welche vielleicht keinen direkten Bezug mehr zu „donauschwäbischer Kultur“ haben. Das Kulturzentrum bildet für mich einen Erzählstrang von vielen (möglichen) ab, aus dem ich durchaus spannende Impulse nahm. Für eine Aufarbeitung und Abbildung der geschichtlichen Verknüpfungen finde ich es sehr spannend, verschiedene Erzählmöglichkeiten oder auch Varianten von Erinnerung nebeneinanderzulegen und so in den Dialog zu kommen.
Du setzt Dich in Deinen künstlerischen Arbeiten verstärkt mit Materialien auseinander. Also Oberflächen und Stoffe, die als Speicher oder Archiv gelesen werden können. Warum sind gerade Materialien wie überlagerte oder auch transparente Stoffe für Dich geeignet, um Erinnerung sichtbar und vielleicht auch ein wenig greifbarer zu machen?
Ja, ich finde tatsächlich Material als Bedeutungsträger sehr spannend. Gerade im Kulturzentrum Haus der Donauschwaben spielt das ja auch eine sehr große Rolle.
Im künstlerischen Prozess lege ich Wert auf einen sensiblen Umgang mit den verwendeten Materialien. Es geht mir weniger um ein bestimmtes Motiv, das eine Geschichte erzählen soll, sondern vielmehr um den Arbeitsprozess und die Materialien selbst, die für mich mehr erzählen als eine konkrete Abbildung.
Ein paar Beispiele: Transparentpapier bildet für mich die Fragilität von Erinnerungen ab. Erinnerung können leicht durch äußere Einflüsse verfälscht oder auch durch interne Prozesse verändert werden. Außerdem sind sie immer eine subjektive Wahrnehmung, welche sie von einer „objektiven“ Geschichtserzählung unterscheidet.
Leinenstoff ist für mich eine Brücke zum Hanfleinen, welches für die Donauschwaben eine große Bedeutung hatte. Auch andere Stoffe, wie beispielsweise eine Schürze, tragen eine Geschichte und „nehmen ihr ursprüngliches Umfeld mit“.
Die von mir verwendete Technik der Überlagerungen spiegelt für mich die zeitlichen Schichtungen von Erinnerungen. So wird der Aspekt der Zeit Teil der Arbeit. Auch bei den Collagen lege ich bewusst einzelne Fragmente übereinander und nebeneinander – wobei sie fragil bleiben. Wie die Erinnerung selbst auch.
Was kann ein neuer, vielleicht auch etwas irritierender Blick auf vertraute Erinnerungsräume Deiner Meinung nach leisten – und welche Gespräche wünschst Du Dir mit (oder unter den) Besucherinnen und Besuchern, gerade auch mit donauschwäbischen Nachkommen?
Ich versuche dem Erzählstrang derer Generationen nachzugehen, welche vielleicht keinen direkten Bezug mehr zu einer „donauschwäbischen“ Kultur haben, aber dennoch immer wieder damit in Berührung kommen. Ich möchte mit meinen künstlerischen Arbeiten mit Menschen ins Gespräch kommen, die ebenso auf manche Fragen ihrer Familiengeschichte keine klaren Antworten bekommen haben. Sei es mit donauschwäbischen Hintergrund, oder auch mit anderen Familienvergangenheiten, die Parallelen tragen.
Über die Erinnerung kann hier eine Verbindung geschaffen werden. Schon im Prozess des Arbeitens habe ich spannende Gespräche führen dürfen. Das Interesse an der eigenen Familiengeschichte ist etwas, was uns verbinden und uns zugleich zu uns selbst näherbringen kann.
Vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch!
*Diese Publikation hat das Haus der Donauschwaben bereits als Buchtipp auf ihren sozialen Kanälen vorgestellt. Der Band kann kostenfrei in deutscher Sprache hier heruntergeladen oder auch in unserer Bibliothek ausgeliehen werden. Im November 2024 hatten wir die beiden Autoren Nenad Vukosavljević und Helena Rill vom Belgrader Zentrum für gewaltfreie Aktion (CNA) für einen Diskussionsabend zu Gast in München.
AUSSTELLUNGSINFORMATION
„fleeting trace of memory“ | Kunstinstallation von Lea Wagner
20. Mai bis 5. Oktober 2026
Haus der Donauschwaben Haar, Leibstraße 33
Eröffnung am 20. Mai um 17:30 Uhr mit einem Grußwort von Dr. Petra Loibl, MdL, Beauftragte der Bayerischen Staatsregierung für Aussiedler und Vertriebene
ÜBER LEA WAGNER
Lea Wagner wurde 2001 in Lenggries geboren und studierte in Regensburg Bildende
Kunst und ästhetische Erziehung, Kunstgeschichte und Vergleichende Kulturwissenschaften. Sie beschäftigt sich u.a. mit der künstlerischen Befragung von Material als Speicher und Archiv, mit gesellschaftspolitischen Zusammenhängen sowie mit dem Selbst im Verhältnis zur Umwelt. Je nach Anliegen übersetzt sie dabei in Malerei, Druck oder konzeptuellen Ansätzen.








