Erinnerung bewahren, Geschichte verstehen
Fachtagung des Zentrums gegen Vertreibungen blickte 80 Jahre nach Flucht und Vertreibung auf Geschichte und Gegenwart
80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist die Erinnerung an Flucht, Vertreibung und den Verlust der Heimat aktueller denn je. Dieser Frage widmete sich am 16. und 17. September eine hochkarätig besetzte Fachtagung der Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen im Hessischen Landtag in Wiesbaden. Unter der Schirmherrschaft von Landtagspräsidentin Astrid Wallmann kamen rund 120 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Wissenschaft, Politik, Verbänden und gesellschaftlichen Organisationen zusammen. Auch der Bundesvorsitzende der Donauschwaben, Jürgen Harich, nahm an der zweitägigen Veranstaltung teil.
Im Mittelpunkt stand die Frage, welche historischen Erkenntnisse aus den Erfahrungen von Flucht und Vertreibung gewonnen werden können und welche Bedeutung diese Erfahrungen angesichts neuer Gewaltmigrationen bis heute besitzen. Bereits der Titel der Tagung machte die Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart deutlich: „80 Jahre nach Flucht und Vertreibung der Deutschen im Kontext des Zweiten Weltkrieges: Historische Bilanzen im Lichte neuer Gewaltmigration“.
Die Tagung richtete den Blick dabei nicht allein auf die Geschichte der rund 15 Millionen Deutschen, die während und nach dem Zweiten Weltkrieg infolge von Flucht, Vertreibung und Zwangsumsiedlungen ihre Heimat in Mittel-, Ost- und Südosteuropa verloren. Vielmehr ging es auch um die langfristigen politischen, rechtlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen dieser Erfahrungen sowie um die Frage, welchen Beitrag Erinnerungskultur heute leisten kann.
Geschichte als Auftrag für die Gegenwart
Landtagspräsidentin Astrid Wallmann erinnerte zur Eröffnung daran, dass die Erfahrungen von Entwurzelung, Verlust und schwierigem Neubeginn die Familien der Vertriebenen über Generationen hinweg geprägt haben. Zugleich verwies sie auf die besondere Bedeutung der Aufnahme der Heimatvertriebenen für die Entwicklung des Landes Hessen.
Auch Hessens Innenminister Prof. Dr. Roman Poseck betonte die Bedeutung einer lebendigen Erinnerungskultur. Flucht und Vertreibung seien tief in die deutsche und europäische Geschichte eingeschrieben. Hinter den historischen Zahlen stünden individuelle Lebensgeschichten von Verlust und Leid, aber ebenso von Mut, Neubeginn und Aufbauleistung. Gerade deshalb sei es wichtig, diese Geschichte in den Zusammenhang des Zweiten Weltkrieges und seiner Folgen für die Menschen in Europa einzuordnen.
Ein besonderer Akzent lag auf der Frage, wie die Erfahrungen der Erlebnisgeneration an kommende Generationen weitergegeben werden können. Denn mit dem zunehmenden Verlust der Zeitzeugen wächst die Bedeutung wissenschaftlicher Forschung, politischer Bildung und einer zeitgemäßen Vermittlung der Geschichte.
Von der Erinnerung zur Verständigung
Stiftungsvorsitzender Peter Beuth schlug dabei ausdrücklich die Brücke zur Gegenwart. Wer die Geschichte von Flucht und Vertreibung ernst nehme, könne daraus Erkenntnisse für die heutigen Herausforderungen gewinnen. Die aktuellen Fluchtbewegungen und die kriegerischen Konflikte in Europa machten deutlich, dass Vertreibung keineswegs ausschließlich ein historisches Phänomen sei.
Auch der Bundesbeauftragte für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Dr. Bernd Fabritius, unterstrich die Bedeutung einer starken und um Wahrhaftigkeit bemühten Erinnerungskultur. Erinnerung müsse dazu beitragen, historische Zusammenhänge sichtbar zu machen und zugleich einen Beitrag zu gesellschaftlichem Zusammenhalt, Demokratie und Verständigung zu leisten.
Für die Donauschwaben besitzt diese Auseinandersetzung eine besondere Bedeutung. Flucht, Vertreibung, Internierung, Verlust der Heimat und der schwierige Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg gehören zum kollektiven Erfahrungshorizont der donauschwäbischen Gemeinschaft. Die Weitergabe dieser Erfahrungen und die Bewahrung des kulturellen Erbes sind deshalb zentrale Aufgaben auch für die heutige Generation.
Mit seiner Teilnahme unterstrich Bundesvorsitzender Jürgen Harich die Verbundenheit des Bundesverbandes der Donauschwaben mit den Anliegen der historischen Aufarbeitung und der Erinnerungskultur. Die Fachtagung bot zugleich Gelegenheit zu zahlreichen Gesprächen und Begegnungen mit Vertreterinnen und Vertretern aus Politik, Wissenschaft, Vertriebenenorganisationen und der Erinnerungsarbeit.
Gerade der Austausch zwischen Wissenschaft und den Organisationen der Heimatvertriebenen bleibt wichtig. Die Verbände verfügen über einen reichen Erfahrungsschatz, persönliche Erinnerungen, Dokumente und über Generationen weitergegebenes Wissen. Gleichzeitig kann die wissenschaftliche Forschung dazu beitragen, diese Überlieferungen einzuordnen, zu sichern und für kommende Generationen zugänglich zu machen.
Erinnerung ist Zukunftsaufgabe
Die zweitägige Fachtagung in Wiesbaden machte deutlich, dass 80 Jahre nach Flucht und Vertreibung nicht das Ende der Erinnerung markieren. Vielmehr steht die Aufgabe im Mittelpunkt, historische Erfahrungen unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen neu zu vermitteln.
Für die Donauschwaben bedeutet dies, die Geschichte der eigenen Gemeinschaft weiterhin sichtbar zu halten, ohne sie aus dem europäischen Zusammenhang herauszulösen. Erinnerung kann dabei Brücken bauen – zwischen den Generationen, zwischen Wissenschaft und Verbänden und zwischen den historischen Erfahrungen der Heimatvertriebenen und den Herausforderungen der Gegenwart.
Die Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen, die ihren Sitz in Wiesbaden hat, widmet sich seit ihrer Gründung im Jahr 2000 der Erinnerung und Aufarbeitung von Flucht, Deportation und Vertreibung der Deutschen aus Mittel-, Ost- und Südosteuropa. Zugleich versteht sie Vertreibung als europäisches und weltweites Phänomen und verbindet ihre Arbeit mit den Anliegen von Völkerverständigung und Versöhnung.
Von Jürgen Harich


