top of page

Plötzlich war die Geschichte ganz nah

vor 3 Tagen
5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 24 Minuten

Zum ersten Mal in der alten Heimat: Eine Reise durch Kroatien und Serbien wird zur Spurensuche nach der eigenen Familiengeschichte



Als der junge Reiseteilnehmer Moritz Harich aus Nürnberg in Rudolfsgnad vor der Gedenkstätte stand, war Geschichte für ihn nicht länger etwas, das in Büchern steht oder in Erzählungen der Familie weitergegeben wird. Seine Großeltern hatten sich, so die Familienüberlieferung, ausgerechnet hier, im ehemaligen Lager Rudolfsgnad, kennengelernt. Ein Ort, an dem unzählige Menschen Leid, Hunger und Tod erlebt hatten, wurde damit zugleich Teil seiner ganz persönlichen Familiengeschichte.


Es ist sehr emotional“, beschrieb er später seine Eindrücke. Erst während der Reise sei ihm bewusst geworden, wie sich die einzelnen Teile seiner Familiengeschichte zusammenfügten: Erinnerungen, Sprache, Dialekte, Essen und Erzählungen aus der Kindheit. „Als ob hier sozusagen die Puzzlestücke zusammenkommen.“


Es waren solche Momente, die die Heimatreise des Bundesverbandes der Donauschwaben prägten.


Vom 31. Juli bis zum 10. August führte die Rundreise unter dem Leitgedanken „Erinnern – Begegnen – Weitertragen: 240 Jahre evangelische Donauschwaben“ 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer durch Kroatien und Serbien. Von Slawonien über die Batschka und Syrmien bis ins Banat führte die Route durch Regionen, in denen die Geschichte der Donauschwaben über Jahrhunderte das kulturelle, wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben mitgeprägt hatte.

Für viele war es zugleich eine Reise zu den eigenen Wurzeln.


„Wie eine Reise in einer Zeitkapsel“


Moritz und sein Bruder Ferdinand waren zum ersten Mal in der alten Heimat ihrer Familie unterwegs. Ihre Großeltern stammten aus dem Banat und waren in den 1950er-Jahren nach Deutschland gekommen.


Vor der Reise hatten beide nur einen Teil dieser Geschichte gekannt. „Mit dem Alter bekommt man mehr ein Gefühl für Generationen oder für die eigene Geschichte“, sagte der 30-jährige Moritz über seine Motivation, an der Reise teilzunehmen. Vor zehn Jahren hätte er eine solche Reise wahrscheinlich noch nicht gemacht. Jetzt wollte er verstehen, woher seine Familie kam und wie seine Großeltern gelebt hatten.


Was er dann erlebte, übertraf seine Erwartungen. „Alle meine Erwartungen sind maßlos übererfüllt worden“, sagte Moritz nach den ersten Tagen. Er habe zunächst gedacht, man werde vielleicht das Dorf des Großvaters besuchen und einige Spuren der Vergangenheit entdecken. Stattdessen sei eine ganze Welt sichtbar geworden. „Es ist wie eine Reise in einer Zeitkapsel.“


Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erlebten nicht nur, wo ihre Vorfahren gelebt hatten. Sie erfuhren, warum die Donauschwaben in diese Region gekommen waren, wie ihre Gemeinden entstanden und wie sich ihre Geschichte entwickelte – bis hin zu Flucht, Vertreibung und den Lagern der Nachkriegszeit.


„Man kann wirklich erleben, wie die Großeltern gelebt haben“, fasste Moritz seine Eindrücke zusammen. Gleichzeitig sei es beeindruckend zu sehen, wie intensiv die Geschichte heute von Vereinen und Gemeinschaften in Deutschland, Serbien und Kroatien aufgearbeitet werde.

Auch sein Bruder Ferdinand hatte zuvor nur wenig über die historischen Zusammenhänge gewusst. Während der Reise entstand jedoch eine emotionale Verbindung zu einer Region, die er zum ersten Mal besuchte. Man spüre, sagte er, „irgendwie, dass es einen betrifft“.


Zwischen Erinnerung und Gegenwart


Die Reise begann in Osijek und führte über Valpovo, Krndija und Vukovar zunächst durch Slawonien. Schon hier wurde sichtbar, wie eng die donauschwäbische Geschichte mit der Geschichte der gesamten Region verbunden ist.


Es folgten Apatin, Sombor und Novi Sad mit der Festung Peterwardein. In Apatin besuchte die Gruppe das Donauschwäbische Kirchenmuseum und traf Vertreter des Vereins „Adam Berenz“. In Sombor standen das Donauschwäbische Museum und der Deutsche Humanitäre Verein St. Gerhard auf dem Programm. Doch gerade dort wurde deutlich, dass die Reise nicht nur in die Vergangenheit führte.


Bei einem Kulturabend traf die Gruppe Menschen der deutschen Minderheit aus Serbien und Kroatien, die donauschwäbische Kultur bis heute pflegen. Chöre sangen, der stellvertretende Botschafter der Bundesrepublik, Paul Amann, sprach ein Grußwort – und vor allem entstanden Gespräche.


„Der Abend war wunderbar, sehr offen und herzlich“, erinnerte sich Moritz. Besonders bewegt habe ihn, mit Menschen ins Gespräch zu kommen und zu erleben, „wie die Kultur hier auch noch belebt wird“.


Diese Begegnungen zogen sich durch die gesamte Reise. In Sekitsch, Bulkes, Karlowitz, Großbetschkerek, Franzfeld, Mramorak und vielen anderen Orten traf die Gruppe Menschen, die sich mit großem Engagement der Geschichte ihrer Region widmen. Manche bewahren Erinnerungsstücke in Heimatstuben, andere arbeiten an Kirchenprojekten, organisieren Kulturveranstaltungen, bringen zweisprachige Zeitschriften heraus oder engagieren sich in Vereinen der deutschen Minderheit.


So begegnete den Reisenden die donauschwäbische Geschichte nicht nur in Gebäuden, Friedhöfen, Museen und Archiven, sondern auch in Liedern, Dialekten, Familiengeschichten – und in den Menschen vor Ort.


Orte, an denen es still wurde


Die Reise führte auch an Orte, die mit Verfolgung, Internierung und Tod verbunden sind.

In Walpach, Kerndia, Gakowa und Kruschiwl legte die Reisegruppe Kränze nieder und gedachte der Opfer der Internierung nach dem Zweiten Weltkrieg. Es folgten weitere Kranzniederlegungen in Sremska Mitrovica, Jarek, Bavaniste und schließlich Rudolfsgnad.

Gerade an diesen Orten wurde aus der Reise durch die alte Heimat für viele eine unmittelbare Begegnung mit einer Geschichte, die bis heute in ihren Familien nachwirkt.


In Rudolfsgnad, dem heutigen Knićanin, kam die Reisegruppe am 8. August mit der heutigen Bevölkerung und Vertretern der deutschen Minderheit zusammen. Anlass war der 160. Jahrestag der Gründung des Ortes.


Rudolfsgnad steht für sehr unterschiedliche Kapitel der donauschwäbischen Geschichte. Hier gründeten donauschwäbische Siedler eine Gemeinde, bauten Häuser, eine Kirche und Schulen auf. Nach 1945 wurde der Ort zu einem der großen Internierungslager für die deutsche Bevölkerung.


Bei der Gedenkveranstaltung wurden zwei neue Gedenktafeln enthüllt und von den Geistlichen gesegnet. Die Heimatortsgemeinschaft Weißkirchen hatte sie gestiftet, organisiert wurde die Veranstaltung vom Nationalrat der deutschen Minderheit. Als geistliche Vertreter waren Bischof Mirko Stefkovic sowie die Pfarrer Jakob Pfeifer und Lutz Bauer anwesend.

In seiner Ansprache erinnerte Bundesvorsitzender Jürgen Harich an beide Seiten der Geschichte des Ortes: Rudolfsgnad stehe für den Aufbauwillen und das kulturelle Erbe seiner Gründer, aber ebenso für Leid, Heimatverlust und Tod. Rund 12.000 Donauschwaben überlebten das Internierungslager nicht. An beides, so Harich, müsse erinnert werden.

Die Sehnsucht der Eltern verstehen


Für Ingrid Ebersoldt-Kopf wurde die Reise ebenfalls zu einer sehr persönlichen Erfahrung. Ihre Eltern stammten aus der Batschka. Sie wollte sehen, aus welchem Land sie gekommen waren und besser verstehen, warum sie ihr Leben lang eine so starke Verbindung zur alten Heimat bewahrt hatten.


Nach den vielen Stationen der Reise fasste sie ihre Erfahrung in einem kurzen Satz zusammen: „Ich verstehe sie jetzt noch viel mehr.“


Nun könne sie nachvollziehen, warum ihre Eltern trotz eines guten Lebens in Deutschland immer wieder Sehnsucht nach der alten Heimat gehabt hätten. Die Landschaft, die Weite, die Dörfer, Erinnerungen an das frühere Leben und die Küche – vieles habe während der Reise einen konkreten Ort bekommen.


Erinnern, begegnen, weitertragen


Über Zemun/Semlin führte die Reise schließlich nach Belgrad. Ein Gottesdienst bei der Deutschen Evangelischen Kirchengemeinde und ein gemeinsames Abschlussabendessen bildeten den Schlusspunkt der zehntägigen Rundreise.


Die Gruppe hatte historische Orte besucht, Kirchen und Museen gesehen, an Gedenkstätten innegehalten und ehemalige deutsche Gemeinden kennengelernt. Vor allem aber waren es die persönlichen Begegnungen und die individuellen Familiengeschichten, die viele Eindrücke der Reise bestimmten.


Der Leitgedanke „Erinnern – Begegnen – Weitertragen“ bekam damit für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine sehr konkrete Bedeutung: durch die Auseinandersetzung mit der Geschichte ihrer Familien, durch Begegnungen mit den Menschen im heutigen Kroatien und Serbien und durch die Erfahrung, dass Spuren donauschwäbischer Geschichte und Kultur dort bis heute zu finden sind.


Für einige war es die erste Reise in die alte Heimat ihrer Eltern oder Großeltern. Und für manche, wie Moritz, fügten sich dabei tatsächlich Puzzlestücke zusammen.


Von Jürgen Harich

 

 
 
bottom of page