„Ich muss da noch einmal hin“
Aktualisiert: vor 26 Minuten
Dr. Petra Loibl unterwegs zwischen donauschwäbischer Vergangenheit und den Menschen von heute
Interview von Gabriele Schilcher
Sechs Tage, drei Länder und viele sehr unterschiedliche Begegnungen: Anfang September 2026 reiste Dr. Petra Loibl, MdL, Beauftragte der Bayerischen Staatsregierung für Aussiedler und Vertriebene, in die alte Heimat der Donauschwaben. Von Osijek in Kroatien führte die Route über Novi Sad, Beška, Sombor und Apatin in Serbien bis nach Pécs in Ungarn.
Organisiert und begleitet wurde die Reise vom Kulturzentrum Haus der Donauschwaben. Mit dabei waren Mitglieder der Landsmannschaft und ihres Vorstands sowie die Geschäftsführerin des Kulturzentrums. Mit dem 90-jährigen Historiker und Zeitzeugen Dr. Ingomar Senz und dem 18-jährigen Luis Fischer, Mitglied der Landsmannschaft und Enkel einer als Kind vertriebenen Donauschwäbin, spannte die Reisegruppe zugleich einen Bogen über die Generationen. In Beška kam eine Delegation aus der Partnergemeinde Karlshuld um Karl-Heinz Wendel hinzu.
Wir haben mit Dr. Petra Loibl darüber gesprochen, was sie auf dieser Reise gesehen und erlebt hat und welche Eindrücke sie mit nach Bayern genommen hat.
Sie sind seit November 2023 Beauftragte der Bayerischen Staatsregierung für Aussiedler und Vertriebene und haben seither bereits verschiedene Herkunftsregionen der Heimatvertriebenen kennengelernt. Nun führte Sie eine Reise in die donauschwäbischen Siedlungsgebiete in Kroatien, Serbien und Ungarn. Was hat Sie bei den Begegnungen vor Ort besonders beeindruckt – und welche Unterschiede haben Sie bei Organisation und Unterstützung der deutschen Gemeinschaften wahrgenommen?
Petra Loibl: Seit Beginn meiner Tätigkeit als Beauftragte war ich bereits in verschiedenen Herkunftsregionen unterwegs: bei den Ungarndeutschen, den Banater Schwaben, den Siebenbürger Sachsen und Sathmarer Schwaben sowie natürlich im Sudetenland. Was mich bei all diesen Begegnungen immer wieder beeindruckt, ist das große ehrenamtliche Engagement der Menschen vor Ort. Vieles geschieht ohne die Organisationsstrukturen, wie wir sie etwa von den Landsmannschaften in Bayern kennen – mit festen Ansprechpartnern, Verbänden und regelmäßigen Veranstaltungen. Trotzdem gibt es einen starken Willen, sich für Geschichte, Kultur, Traditionen und Bräuche einzusetzen und dieses Erbe zu bewahren.
Deutliche Unterschiede habe ich bei der staatlichen Unterstützung wahrgenommen. In Ungarn ist spürbar, dass die deutsche Minderheit gefördert wird und entsprechende Strukturen bestehen. In Kroatien konnten wir aufgrund unseres kurzen Aufenthalts nur einen begrenzten Eindruck gewinnen. Besonders in Serbien hatte ich dagegen den Eindruck, dass vieles vom Engagement Einzelner und von Unterstützung aus Deutschland abhängt. Das hat mich durchaus nachdenklich gemacht.
Nach 1944 verlief die Geschichte der Donauschwaben in Ungarn und im damaligen Jugoslawien sehr unterschiedlich. Während deutsche Kultur in Ungarn trotz Vertreibung und Repressionen weiterlebte, führte das nahezu vollständige Verschwinden der deutschen Bevölkerung aus Jugoslawien zu einem tiefen Bruch. Was brauchen aus Ihrer Sicht heute insbesondere diejenigen, die sich in Serbien für die Bewahrung des donauschwäbischen Erbes einsetzen?
Bei unseren Gesprächen wurde immer wieder hervorgehoben, wie wichtig die Unterstützung aus Deutschland ist. Mit Mitteln des Bundes werden Projekte in den Herkunftsgebieten ermöglicht und Strukturen unterstützt, die ohne diese Förderung teilweise kaum fortbestehen könnten. Mir ist deshalb wichtig, mich dafür einzusetzen, dass diese finanzielle Unterstützung auch künftig erhalten bleibt.
Aber Geld allein reicht nicht. Ebenso wichtig ist aus meiner Sicht das Gefühl, dass es in Deutschland und in Bayern Ansprechpartner gibt, die sich für die Menschen und ihr Engagement in den Herkunftsgebieten interessieren und den Kontakt aufrechterhalten. Darin sehe ich eine wichtige Brückenbauerfunktion. Mit dem Bundesbeauftragten Bernd Fabritius gibt es einen starken Unterstützer und Fürsprecher, der selbst viel in den Herkunftsländern unterwegs ist. Auch ich sehe es als eine meiner Aufgaben an, den Menschen vor Ort zu vermitteln: Ihr Engagement wird wahrgenommen, und es gibt Ansprechpartner, die sich dafür einsetzen.
Vor diesem Hintergrund hatte auch der offizielle Empfang im Parlament der Autonomen Provinz Vojvodina in Novi Sad eine besondere Bedeutung. Parlamentspräsident Dr. Bálint Juhász bezeichnete das donauschwäbische Erbe als festen Bestandteil der multikulturellen Vojvodina und nannte als gemeinsame Ziele, die Erinnerung zu bewahren und gemeinsam Zukunft zu gestalten. Angesichts der schwierigen Geschichte der Donauschwaben nach 1944: Welche Bedeutung hatte dieses Bekenntnis für Sie – und wie haben Sie die Begegnung insgesamt erlebt?
Der Empfang im Parlament in Novi Sad durch Parlamentspräsident Dr. Bálint Juhász, der selbst der ungarischen Minderheit angehört, war überwältigend. Mit einer solchen Wertschätzung hatte ich nicht gerechnet. Er hat uns gemeinsam mit mehreren Vizepräsidenten, Abgeordneten und weiteren Vertretern des Parlaments empfangen, sich viel Zeit für das Gespräch genommen und uns eine sehr professionelle Führung durch das Haus ermöglicht. Besonders beeindruckt hat mich, wie gut er auf unseren Besuch vorbereitet war: Er wusste genau, wen er vor sich hatte und worum es uns ging.
Auf meine Frage, wie Bayern und die Vojvodina künftig gerade im Hinblick auf das donauschwäbische Erbe zusammenarbeiten könnten, hat er sehr konkret reagiert. Er bot an, entsprechende Projekte zu begleiten und bei Bedarf auch eine Schirmherrschaft zu übernehmen. Damit hatte ich tatsächlich nicht gerechnet.
Bei einem unserer folgenden Termine haben wir dieses Angebot deshalb gleich an die Engagierten vor Ort weitergegeben. Sie sollten diese Unterstützung auch nutzen, auf ihn zukommen und ihn beim Wort nehmen. Insgesamt habe ich die Begegnung im Parlament als ausgesprochen positiv und als ein wichtiges Signal der Wertschätzung erlebt.
Neben den politischen und institutionellen Terminen prägten viele persönliche Begegnungen die Reise – von der Andacht auf dem deutschen Friedhof in Beška und der privaten Einladung der Familie Lupurović über das serbisch-bayerische Kulturfest bis hin zu Boris Mašić in Apatin, der sich mit unermüdlichem Engagement dafür einsetzt, die deutschen Spuren in der Vojvodina zu bewahren. Welche Begegnung oder welcher Moment ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben – und gab es etwas, das Sie besonders berührt hat?
Die persönlichen Begegnungen sind natürlich immer diejenigen, die man besonders auf der emotionalen Ebene abspeichert. Mich hat vor allem die große Herzlichkeit beeindruckt, mit der wir überall aufgenommen wurden. Niemand kannte mich vorher, und trotzdem hatte ich schon nach zwei oder drei Tagen das Gefühl, als wären wir wesentlich länger dort.
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die Andacht auf dem deutschen Friedhof in Beška mit der Kranzniederlegung, den Worten von Karl-Heinz Wendel und der musikalischen Begleitung. Das war ein sehr berührender Moment. Ähnlich ging es mir an der Gedenkstätte in Gakovo. Solche Orte führen einem die Geschichte noch einmal auf eine ganz andere Weise vor Augen.
Sehr aufgeregt war ich tatsächlich vor meinem Grußwort beim Kulturfest in Beška – obwohl ich solche Ansprachen schon unzählige Male gehalten habe. Aber dort war die Situation eine andere. Alles wurde simultan übersetzt, man konnte nicht unmittelbar zum Publikum sprechen, und zugleich war mir sehr bewusst, dass in diesem historischen Kontext jedes Wort mit großer Aufmerksamkeit wahrgenommen wird. Umso mehr hat es mich gefreut, wie offen und herzlich die Reaktionen anschließend waren.
Überrascht hat mich außerdem, wie gut die Menschen miteinander vernetzt sind, die sich für das donauschwäbische Erbe engagieren. Viele kennen sich untereinander, treffen sich auch in Deutschland und stehen in engem Kontakt mit Einrichtungen in Bayern. Das zeigt, wie wichtig diese Netzwerke sind – und dass auch die Unterstützung aus Bayern Strukturen stärkt, von denen die Engagierten vor Ort profitieren.
Besonders beeindruckt hat mich die Arbeit von Boris Mašić in Apatin. Was er an donauschwäbischem Erbe rettet, sammelt, ordnet und bewahrt, lässt sich eigentlich kaum in Worte fassen. Für eine solche Aufgabe wären bei uns vermutlich mehrere Menschen beschäftigt und würden mit staatlichen Mitteln unterstützt. Er macht dies aus eigener Überzeugung und mit einem unglaublichen persönlichen Einsatz. Wenn er erzählt, wie er im Winter zwischen alten, verstaubten Kirchenbüchern sitzt, sie ordnet und damit Menschen später die Suche nach ihren familiären Spuren ermöglicht, bekommt man eine Vorstellung davon, was dort geleistet wird.
In Erinnerung geblieben ist mir auch der kleine hölzerne Hund aus einer beschädigten kirchlichen Statue, den er uns gezeigt hat. Der Unterkiefer war herausgebrochen worden, um an die Goldmünze zu gelangen, die die Figur ursprünglich in der Schnauze trug. Dieses kleine Fragment steht für mich sinnbildlich dafür, wie viel kulturelles und kirchliches Erbe verloren gegangen ist – und wie wichtig Menschen wie Boris Mašić sind, die das bewahren, was noch vorhanden ist. Ich würde ihm wünschen, dass er viel mehr Menschen an seiner Seite hätte, die ihn bei dieser Arbeit unterstützen.
Bayern engagiert sich in besonderem Maße für seine Heimatvertriebenen, Aussiedler und Spätaussiedler – mit einer eigenen Beauftragten, seinen Kulturzentren und einer breiten Förderung. Sie selbst haben die Aussiedler und Vertriebenen einmal als die „besten Brückenbauer ins östliche Europa“ bezeichnet. Warum ist dieses Engagement auch mehr als 80 Jahre nach Flucht und Vertreibung noch so wichtig – und was kann eine Reise wie diese ganz konkret zum Brückenbauen beitragen?
80 Jahre sind nur ein Wimpernschlag in der europäischen Geschichte. Bis zu Flucht und Vertreibung und den Aussiedlungsbewegungen in den Jahrzehnten danach waren Deutsche über viele Jahrhunderte ein wichtiger Bestandteil des Kulturraums im östlichen Europa und haben ihn maßgeblich mitgeprägt. Dabei lebten sie immer in einem Spannungsfeld zwischen Zusammenarbeit und Konkurrenz mit den anderen Völkern dieser Regionen.
Die über Jahrhunderte entstandenen Bande sind nach 1945 nicht einfach abgerissen, sondern bestehen vielfach über Generationen hinweg bis heute fort – auch bei Menschen, die selbst gar nicht mehr dort geboren oder aufgewachsen sind. Für viele sind die Regionen, aus denen ihre Vorfahren vertrieben wurden oder die sie als Aussiedler verlassen haben, in einem gewissen Sinne noch immer Heimat und Teil ihrer Identität.
Das macht sie zu geborenen Brückenbauern, denn sie bringen ein Verständnis für die Menschen im östlichen Europa mit, das vielen anderen fehlt. Nicht ohne Grund engagieren sich die Nachfahren der Deutschen aus Schlesien, Pommern und Ostpreußen, der Donauschwaben, Siebenbürger Sachsen, Banater Schwaben und Sathmarer Schwaben in besonderer Weise für ihre Herkunftsregionen und für eine nachhaltige Verständigung mit den heute dort lebenden Menschen. Unterstützung finden sie dabei auch bei den noch in der Heimat verbliebenen Landsleuten.
Meine Aufgabe als Beauftragte sehe ich darin, diese Verbindungen durch mein Engagement und durch Begegnungsfahrten in die Herkunftsländer zu festigen und weiter auszubauen. Eine Reise wie diese schafft persönliche Kontakte, bringt Menschen miteinander ins Gespräch und stärkt bestehende Netzwerke. Das Vertrauen, das dabei entsteht, ist von unschätzbarem Wert und trägt zur weiteren Verständigung und zum Zusammenwachsen Europas bei.
Zum Schluss ein Blick nach vorn: Welche Erkenntnisse nehmen Sie aus dieser Reise für Ihre weitere Arbeit mit – und was wünschen Sie sich, was daraus entstehen oder langfristig bleiben sollte?
Ich nehme vor allem die Erkenntnis mit, dass mein Ziel, mindestens einmal im Jahr für mehrere Tage in eine der Herkunftsregionen zu reisen, richtig und wichtig ist. Solche Reisen erfordern viel Vorbereitung, aber diese Arbeit lohnt sich. Es ist von großer Bedeutung, die Situation der dort verbliebenen Deutschen und der Menschen, die sich für das deutsche Kulturerbe engagieren, aus eigener Anschauung zu kennen. Nur dann kann ich auch in Bayern entsprechend handeln und unterstützen.
Dabei geht es nicht allein um finanzielle Förderung. Mindestens ebenso wichtig sind die Wertschätzung und die ideelle Unterstützung der Menschen vor Ort. Ich möchte die bestehenden Netzwerke noch besser kennenlernen, mit ihnen in Verbindung bleiben und weitere Verbindungen knüpfen. Es gibt dort engagierte Menschen und hier in Bayern ebenso – und manchmal kennen genau diejenigen einander noch nicht, die gut zusammenarbeiten könnten. Sie zusammenzubringen, sehe ich auch als eine Aufgabe meiner Arbeit.
Aus einer solchen Reise entstehen außerdem ganz konkrete Ideen. Städtepartnerschaften oder Schulpartnerschaften sind beispielsweise Themen, die wir mitgenommen haben und nun weiterverfolgen müssen. Entscheidend ist, dass die Begegnungen nicht mit der Rückreise enden, sondern daraus langfristige Kontakte und vielleicht auch neue gemeinsame Projekte entstehen.
Und eine Erkenntnis ist nach solchen Reisen eigentlich immer dieselbe: Ich muss da noch einmal hin! Und ich kann mir gut vorstellen, dann auch Familie oder Freunde mitzunehmen und ihnen zu zeigen, wie die Menschen dort leben und welche Landschaften und Geschichten diese Regionen prägen.
Ein kleines Stück dieser Reise ist übrigens ganz unmittelbar geblieben: Am letzten Tag habe ich auf dem Markt in Sombor Aprikosen und Tomaten gekauft. Zu Hause sind daraus zwölf Gläser selbstgemachte Aprikosenmarmelade und einige Gläser Tomatensoße geworden. So steht jetzt auch ein bisschen Sombor in meinem Vorratsschrank.
Eindrücke der Reise
Kroatien
Serbien
Ungarn


