Sommerinterview mit Jürgen Harich
- vor 2 Tagen
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Bundesvorsitzender der Donauschwaben

Herr Bundesvorsitzender, lieber Jürgen! Wir freuen uns, dich zum Sommerinterview begrüßen zu dürfen. Vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses ausführliche Gespräch nimmst.
Wie erlebst du derzeit die Stimmung innerhalb der donauschwäbischen Gemeinschaft?
Ich erlebe die Stimmung insgesamt als sehr engagiert, zugleich aber auch nachdenklich. Viele Leute spüren, dass wir uns in einer Phase des Übergangs befinden. Die Generation, die Flucht, Vertreibung und den Neuanfang noch persönlich erlebt hat, wird leider immer kleiner. Damit wächst bei vielen Menschen das Bewusstsein, dass es gut ist, dass wir jetzt als Bekenntnisgeneration Verantwortung übernehmen, um Erinnerungen, Erfahrungen und kulturelle Traditionen für die kommenden Generationen zu bewahren. Wir versuchen zu gestalten und nicht nur zu verwalten.
Gleichzeitig nehme ich auch eine erfreuliche Entwicklung wahr: Das Interesse jüngerer Menschen an ihrer Herkunft nimmt wieder zu. Viele beginnen, sich mit der Familiengeschichte auseinanderzusetzen. Sie fragen nach den Herkunftsorten ihrer Großeltern, interessieren sich für alte Fotos, Dokumente und Traditionen. Das zeigt, dass Identität und kulturelle Wurzeln auch in einer modernen, globalisierten Welt Bedeutung haben.
Natürlich stehen wir auch vor Herausforderungen. Verbände müssen sich verändern, neue Formen der Ansprache finden und digitale Möglichkeiten nutzen. Aber ich bin überzeugt: Solange Menschen bereit sind, Verantwortung für Gemeinschaft und Kultur zu übernehmen, hat unsere donauschwäbische Gemeinschaft eine Zukunft. Wir sind auf einem guten Weg. Das beste Beispiel ist unser gemeinsam mit dem Kulturzentrum Haus der Donauschwaben in Haar herausgegebener Radasch-Newsletter, der mittlerweile zu einem sehr großen Erfolg wurde und aus unserer Gemeinschaft nicht mehr weg zu denken ist.
Welche Themen stehen aktuell im Mittelpunkt deiner Arbeit als Bundesvorsitzender?
Derzeit beschäftigen uns mehrere zentrale Themen. Ein sehr wichtiger Bereich ist vor allem die Einbindung der Bekenntnis- und Enkelgeneration. Wir möchten Menschen nicht nur als Besucher unserer Veranstaltungen gewinnen, sondern sie aktiv in die Gestaltung unserer Zukunft einbinden. Das bedeutet, ihnen Verantwortung zu übertragen und die Ideen aller Altersgruppen ernst zu nehmen.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Bewahrung unserer Geschichte. Wir arbeiten intensiv daran, diese lebendig zu halten. Viele wertvolle Erinnerungen befinden sich noch in privaten Familienarchiven. Diese Zeugnisse sind ein bedeutender Teil deutscher und europäischer Geschichte und dürfen nicht verloren gehen.
Darüber hinaus spielt die internationale Zusammenarbeit eine wichtige Rolle. Wir pflegen Kontakte zu Organisationen und Gemeinden in den Herkunftsgebieten entlang der Donau und weltweit. Begegnungen zwischen Menschen aus verschiedenen Ländern fördern Verständnis, Versöhnung und gemeinsame Perspektiven.
Nicht zuletzt geht es auch darum, unsere Anliegen gesellschaftlich sichtbar zu machen. Erinnerungskultur, unsere Identität und unser kulturelles Erbe sind Themen, die kontinuierliche Aufmerksamkeit benötigen. Nicht nur deshalb haben wir uns dazu entschlossen, diesen Sommer seit Jahrzehnten wieder ein Bundestrachtenfest zu veranstalten.
Warum ist Erinnerungskultur heute noch so wichtig?
Erinnerungskultur ist weit mehr als das Bewahren alter Geschichten. Sie hilft uns zu verstehen, wie unsere Gesellschaft entstanden ist und welche Erfahrungen Menschen geprägt haben. Die Geschichte der Donauschwaben ist eine Geschichte von Aufbau, kultureller Vielfalt, harter Arbeit, aber auch von Krieg, Flucht, Vertreibung, Internierungen und Verlust.
Gesellschaftliche Debatten werden zum Teil zu oberflächlich geführt, dabei ist es wichtig, sich intensiv mit der Geschichte auseinanderzusetzen. Wer die Schicksale früherer Generationen kennt, entwickelt oft ein stärkeres Verständnis für Frieden, Demokratie und gegenseitigen Respekt.
Für die donauschwäbische Gemeinschaft bedeutet Erinnerungskultur auch, den Menschen eine Stimme zu geben, die oft jahrzehntelang kaum gehört wurden. Viele Familien haben schwere Erfahrungen gemacht und dennoch mit großem Mut ein neues Leben aufgebaut. Diese Lebensleistungen verdienen große Anerkennung und höchsten Respekt.
Außerdem ist Erinnerungskultur ein wichtiger Beitrag zur europäischen Verständigung. Sie ermöglicht einen offenen Dialog über historische Erfahrungen und schafft die Grundlage für Versöhnung und Zusammenarbeit.
Welche Rolle spielen traditionelle Feste und Veranstaltungen?
Unsere traditionellen Feste sind weit mehr als reine Unterhaltung. Sie sind lebendige Orte der Begegnung zwischen Generationen. Dort werden Musik, Tanz, Brauchtum, Trachten und kulinarische Traditionen weitergegeben. Egal ob jung oder alt – alle erleben dort Gemeinschaft oft sehr unmittelbar und emotional.
Wenn man etwa ein Kirchweihfest besucht, sieht man nicht nur Tanzgruppen oder traditionelle Kleidung. Man erlebt eine Gemeinschaft, die ihre kulturelle Identität mit Freude lebt. Solche Veranstaltungen schaffen Zusammenhalt und vermitteln Werte wie Gemeinschaftssinn, Gastfreundschaft und gegenseitige Unterstützung.
Darüber hinaus haben unsere Feste, Tagungen und Seminare auch eine wichtige gesellschaftliche Funktion. Sie öffnen Türen für Menschen außerhalb unserer Gemeinschaft und zeigen, dass kulturelle Vielfalt eine Bereicherung ist. Viele Besucher entdecken dort erstmals die Geschichte und Kultur der Donauschwaben.
Natürlich müssen sich auch solche Veranstaltungen weiterentwickeln. Moderne Elemente und neue Ideen sind wichtig, solange der eigentliche Charakter erhalten bleibt.
Viele Vereine kämpfen mit Nachwuchsproblemen. Wie siehst du die Situation bei den Donauschwaben?
Die Situation ist durchaus herausfordernd, aber keineswegs hoffnungslos. Junge Menschen engagieren sich heute oft anders als frühere Generationen. Sie möchten projektbezogen arbeiten, flexibel bleiben und eigene Ideen einbringen. Darauf reagieren wir.
Es reicht heute nicht mehr aus, einfach auf Traditionen zu verweisen und zu erwarten, dass junge Menschen automatisch mitmachen. Wir erklären, warum unsere Geschichte relevant ist und welchen Wert Gemeinschaft hat.
Ich sehe viele positive Ansätze: Der Zusammenhalt in den Trachten- und Tanzgruppen, digitale Projekte, internationale Begegnungen oder Social-Media-Initiativen zeigen, dass junge Donauschwaben kreativ und engagiert sind. Wichtig ist, ihnen Raum zu geben und sie ernsthaft an Entscheidungen zu beteiligen.
Wir dürfen die junge Generation nicht nur als Zukunft betrachten — sie ist bereits Gegenwart.
Wie modern darf Traditionspflege sein?
Traditionspflege sollte modern vermittelt werden, sonst verliert sie den Anschluss an kommende Generationen. Tradition bedeutet nicht Stillstand. Auch unsere Vorfahren haben ihre Kultur ständig weiterentwickelt.
Heute gehören digitale Medien selbstverständlich dazu. Podcasts, Online-Archive, Videoaufzeichnungen mit Zeitzeugen oder virtuelle Ausstellungen können junge Menschen erreichen, die vielleicht nie ein Heimatbuch lesen würden.
Gleichzeitig dürfen wir aber den Kern unserer Kultur nicht beliebig verändern. Es geht darum, authentisch zu bleiben und dennoch offen für neue Wege zu sein. Tradition lebt davon, dass sie verstanden und gelebt wird — nicht davon, dass sie unverändert konserviert wird.
Welche Bedeutung hat Europa für die donauschwäbische Gemeinschaft?
Europa hat für uns eine besondere Bedeutung, weil die Geschichte der Donauschwaben von Anfang an europäisch geprägt war. Unsere Vorfahren lebten über Jahrhunderte hinweg in verschiedenen Regionen entlang der Donau. Unterschiedliche Kulturen, Sprachen und Traditionen begegneten sich dort täglich.
Deshalb verstehen viele Donauschwaben Europa nicht nur als politischen Raum, sondern als kulturelle Idee. Grenzüberschreitende Zusammenarbeit, gegenseitiger Respekt und friedliches Zusammenleben sind Werte, die tief in unserer Geschichte verankert sind. Im Sommer bieten wir als Bundesverband eine Reise nach Serbien und Kroatien an. Wir arbeiten mit den Heimatverbliebenen als Heimatvertriebene sehr gut zusammen und haben alle die Heimat in unseren Herzen.
Heute bieten europäische Partnerschaften und Begegnungsprogramme große Chancen. Wir können gemeinsam Projekte entwickeln und voneinander lernen. Gerade angesichts aktueller Spannungen in der Welt ist diese Form der Verständigung wichtiger denn je.
Was wünscht du dir persönlich für die Zukunft der Donauschwaben?
Vor allem wünsche mir, dass unsere Gemeinschaft lebendig bleibt und gleichzeitig offen für Veränderungen ist. Es wäre schön, wenn auch kommende Generationen noch stolz sagen können: „Wir kennen unsere Geschichte und tragen unsere Kultur weiter.“
Dabei geht es nicht nur um Trachten oder traditionelle Feste. Es geht um Werte: Zusammenhalt, Leistungsbereitschaft, Verantwortung und Offenheit gegenüber anderen Menschen.
Außerdem wünsche ich mir, dass die Geschichte der Donauschwaben weiterhin ihren Platz im öffentlichen Bewusstsein behält. Sie ist Teil der deutschen und europäischen Geschichte und verdient Aufmerksamkeit und Respekt. Unsere Donauschwabenaufkleber, unsere Taschen und Tassen sind nur ein paar Beispiele, die zur Sichtbarkeit unserer Gemeinschaft auch ohne viel Worte beitragen können. Apropos Thema Sichtbarkeit: Wir freuen uns über jede neue Followerin und jeden neuen Follower auf unseren Social-Media-Kanälen auf Instagram und Facebook.
Und schließlich wünsche ich mir, dass wir Brückenbauer bleiben — zwischen Generationen, zwischen Ländern und zwischen Kulturen.
Welche Botschaft möchtest du jungen Menschen mitgeben?
Wir möchten jungen Menschen Mut machen, neugierig auf ihre Herkunft zu sein. Wer sich mit seiner Familiengeschichte beschäftigt, entdeckt oft erstaunliche Geschichten von Mut, Entbehrung und Neuanfang.
Gleichzeitig ist es wichtig, offen und selbstbewusst in die Zukunft zu gehen. Tradition und Moderne schließen sich nicht aus. Man kann international denken und dennoch seine kulturellen Wurzeln kennen und schätzen.
Unsere Geschichte zeigt, dass Menschen selbst nach schweren Zeiten neue Perspektiven schaffen können. Das ist eine wertvolle Botschaft — gerade in einer Welt, die oft von Unsicherheit geprägt ist.
Lieber Jürgen, herzlichen Dank für dieses ausführliche Gespräch.
Sehr gerne. Wir vom Bundesverband danken allen, die sich für unsere donauschwäbische Gemeinschaft, unsere Kultur und unsere Geschichte interessieren und engagiert haben, sich weiterhin engagieren oder sich überlegen, sich bei uns zu engagieren. Dafür ein großes und dickes Dankeschön von ganzem Herzen!


